Psychonoia

Psychonoia

Beitragvon Karlheinz » Sonntag 21. August 2005, 09:07

Psychonoia - Versuch einer begrifflichen Annäherung.


Ich möchte hiermit eine neue Krankheitsdefinition vorschlagen: die Psychonoia.
Darunter verstehe ich Personen, die offensichtliche und mit geeigneten Verfahren objektivierbare Krankheiten anderer Personen zwanghaft auf eingebildete seelische Ursachen zurückführen. Dieses Verhalten konzentriert sich vorzugsweise auf umweltbedingt Erkrankte (hier spricht man dann genauer vom ökomanen psychonoischen Syndrom, im Folgenden, da das Krankheitsbild weitaus dominierend, kurz Psychonoia genannt. Das Folgende bezieht sich wenn nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet immer auf diesen Subtyp).

Das Krankheitsmodell ist i.a. sehr variabel. Je nach Spielart instrumentalisieren die Betroffenen die eine oder andere seelenheilkundliche Lehrmeinung für ihre Rationalisierungen (z.B. Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Individualpsychologie, Logotherapie, Verhaltenspsychologie, Gestalttherapie, systemische Familientherapie, Psychiatrie, …). Diese Theorien sind zwar von einer gewissen, wenn auch eingeschränkten, phänomenologischen Überzeugungskraft, jedoch grundsätzlich nicht objektivierbar. Nichtobjektivierbare Lehren führen erfahrungsgemäß bei einem gewissen Prozentsatz der Population zu der für vorgeblich wissenschaftlich denkende Individuen paradoxen Erscheinung einer festen und überzeugten tiefgehenden Anhängerschaft, ja zu Fanatismus, einer Manie.
So werden die aus den oben genannten Theoriebildungen hervorgegangenen, in bestimmten Kontexten durchaus hilfreichen und empirisch (wenn auch nur eingeschränkt) validierbaren, Behandlungsmethoden zu zweckwidriger Manipulation nachweisbar durch Umgebungsnoxen Erkrankter missbraucht (da die betroffenen Psychonoiker vermutlich krankheitsbedingt nicht voll verantwortlich zu machen sind, müsste man eigentlich sagen „fehlgebraucht“ (eine Wortbildung, die dem Kulturmenschen Unbehagen bereitet, aber hier geht es um die Entwicklung einer sachlich korrekten medizinischen Terminologie) bzw. iatrisch dysfunktional instrumentalisiert).
Die Objekte dieser Handlungen erfahren dabei häufig eine Verschlimmerung ihres Leidens (vom Psychonoiker oft in pseudopsychoanalytischer Tradition als Widerstand rationalisiert).
Der Kranke projiziert die Wirkungen der Umgebungsnoxen auf dann pseudomedizinisch fehlgedeutete innerpsychische Vorgänge.
Um sich die entsprechenden Symptomhandlungen frei von sozialen Sanktionen zu ermöglichen, ergreift der Psychonoiker häufig einen medizinischen Beruf (Medikopismus). Man findet ihn dort meist als Psychiater oder Psychologe, ja es kommen sogar Umweltmediziner und Toxikologen vor.
Er weigert sich hartnäckig eine ordnungsgemäße Diagnostik durchzuführen und sich hinsichtlich hierfür geeigneter Verfahren belehren zu lassen. Dabei lässt er sich umgekehrt durch die Tatsache, dass die von ihm behaupteten Ursachen prinzipiell durch keinerlei Labordiagnostik (sein eigenes Hauptkriterium) nachweisbar sind nicht irritieren oder verunsichern. Dieses Verhalten impliziert durchaus eine gewisse unbewußte Intelligenz, denn normales Lernverhalten würde den Psychonoiker um den Krankheitsgewinn bringen. (In diesem Geiste hat schon weiland der Papst der Legende nach Galilei einen Blick durch dessen Fernrohr verweigert.)

Ein möglicher Deutungsversuch ergibt sich daraus, dass der Psychonoiker durch eine (letztlich unbewusst insuffizient gehaltene) Ausschlussdiagnostik zu seinen Einsichten zu kommen meint, mithin rein logisch betrachtet die Ursache der in Frage stehenden Phänomene der Komplementmenge der ihm bekannten nicht psychischen Erkrankungen zuordnet (soweit korrekt), die er ebenfalls vollständig zu kennen vorgibt (hier beginnt die Hybris). Dies impliziert Allwissenheit, so dass womöglich von einem pseudomedizinisch rationalisierten Größenwahn (gar Deikopismus?) auszugehen ist.

Eine Besserung oder gar Heilung ist nur durch eine Art kathartischer Erkenntnis der eigenen Fehlhaltung zu erwarten. Davor steht jedoch das gleiche erkenntnistheoretische Dilemma, das die Blinden in H.G.Wells Tal der Blinden, die einen zufällig dort eingedrungenen Sehenden für krank halten und um sein Augenlicht bringen wollen, von einer Korrektur ihres letztlich selbstschädlichen Verhaltens abhält: die gruppendynamische Stabilität einmal kollektiv erworbener intellektueller Fehlhaltungen bei durch selektive Apperzeption bedingtem Mangel korrektiv wirkender Irritationen.
Die Wahrheit wird dann gewissermaßen als pseudoidiopathische Verirrung psychischer Genese gedeutet, kurz als Wahn.
(Im System-Modell könnte man von strukturdeterminierter selektiver Resistenz gegenüber externer Informationsinfiltration sprechen. Die gestellten Fragen definieren, und implizieren damit, die zugelassenen Antworten.)
Die Krankheitsprognose muß bei diesem Szenario leider ausgesprochen negativ beurteilt werden.

Die in allen Industrieländern endemische Erkrankung hat zu einer Situation geführt, in der die überwiegende Mehrheit der Heilberufler insbesondere in den aufgeführten Schwerpunktdisziplinen als von dem Krankheitsbild betroffen einzustufen ist.
Eine Folge der lange unentdeckt gebliebenen Proliferation des Übels.
Die sozialen Auswirkungen sind derzeit nicht absehbar. Die progressive Ausbreitung durch Umweltnoxen bedingter Erkrankungen kann in Kombination mit einem extensiv psychonoisch infiltrierten Gesundheitssystem langfristig zu einem Kollaps ganzer Landstriche, vielleicht sogar einer Art Marasmus der Industriegesellschaft als solcher mit finalem Massensterben infolge der kollabierenden Produktivität führen. Analoge Auswirkungen sind beispielsweise in Ansätzen im Rahmen der zeitgenössischen Aidsepidemie in Afrika ebendort lokal zu beobachten. Die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens ist unübersehbar.

Ich hoffe mit diesem Vorschlag einer vorläufigen Krankheitsdefinition eine terminologische Lücke schließen zu können und einen kleinen Anstoß zum weiteren Studium des Phänomens gegeben zu haben. Korrekte Begriffe sind letztlich unersetzliche Erkenntnisinstrumente. Ich freue mich auf die kollegiale Mitarbeit des gelehrten Publikums bei der Weiterentwicklung der in Frage stehenden Begrifflichkeit.
Karlheinz
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Beitragvon sunday » Sonntag 21. August 2005, 15:05

warum gibt es hier eigentlich keine smilies, die lachen oder sich sogar lachend auf dem boden rumkugeln???? (und die man in den text reinsetzen kann. oder auch noch andere *stirnrunzel* *grübel* etc., die heitern mich in anderen foren immer sehr auf)
manches kann man doch nur ertragen, wenn man es auch mal von einer anderen seite betrachtet und sich darüber kaputtlacht. einen herrlichen anlaß zum lachen hat uns jetzt karlheinz gegeben. DANKE!!!!!

hallo karlheinz,

ärzte, die alles als psychosomatisch benennen gibt es schon seit -zig jahren und in allen fachrichtungen und bei allen krankheiten. meine eltern sind beide sehr jung an fehldiagnosen gestorben. mein vater mit 25 an hirntumor (seine symptome wurden teils als psych. bezeichnet teils als epilepsie, die damals auch noch als \"geisteskrankheit\" galt, die richtige diagnose wurde erst wenige tage vor seinem tod gestellt), meine mutter mit 42 an porphyrie (ihre krankheit wurde als psych.-som. bezeichnet, die richtige diagnose erst lange nach ihrem tod anhand der eindeutigen symptome gestellt). ich selber hatte schon etliche rein somatische krankheiten, die auch erst wochenlang, teilweise sogar jahrelang als nur psychosomatisch bezeichnet wurden (2x war es eine virushepatitis, 1x ein bandscheibenvorfall mit lähmungen im bein, 1x eine chron. nephritis mit nierenblutungen und reduzierung der nierenfunktion auf 43, 1x ein meniskusschaden mit bursitis und arthrose im knie, mehrmals netzhautrisse und glaskörperblutungen mit leider nicht mehr zu bessernder extremer einschränkung der sehkraft, 1x chron. untypische entzündung der atemwege mit lungenfunktion unter 40 % usw. usw.

von den ärzten bekam ich immer nur 3 antworten:
\"das ist alles nur psychosomatisch\" betonung auf nur oder
\"ich weiß auch nicht, was das ist\" oder
\"da kann man nichts dran machen\"

und ein arzt, der weiß was mcs ist und deshalb empfohlen wird, sagte auch nur \"da kann man nichts dran machen\". können diese i d i o t e n das nicht schon am telefon sagen? dann hätte man wenigstens das viele geld und die kraft für die weite fahrt gespart.

als ich jung war, dachte ich, die schwarzen schafe unter den ärzten wären die ausnahme. als ich dann selbst im med. bereich gearbeitet habe und hinter die kulissen schauen konnte, standen mir die haare zu berge (ärzte, die die einfachsten diagnosen nicht richtig stellen konnten, ärzte, die ihre patienten absichtlich süchtig gemacht haben, um sie als dauerpatienten zu erhalten, ärzte (fast alle), die die kassen betrügen, gynäkologen, die für alle patientinnen das spekulum benutzen, um etwas geld zu sparen -sie waren allerdings auch so arm, daß sie nur einen porsche fahren konnten- usw. ich hab dann den beruf gewechselt, weil ich mit diesen ...........nichts mehr zu tun haben wollte.

ganz kann ich begegnungen der besonderen art (oder der absonderlichen?) nicht vermeiden, weil ich blutuntersuchungen, ultraschall etc. mangels entsprechender geräte nicht selbst machen kann. mir tun dann immer nur die menschen leid, die auf diese ...... angewiesen sind. ich habe gottseidank eine umfangreiche med. ausbildung und bilde mich ständig weiter fort und kann mich daher weitestgehend selbst behandeln (was ich seit ein paar jahren auch mache, seither haben sich die o.g. krankheiten sehr gebessert, nur für die mcs ist mir noch nichts eingefallen, was eine dauerhafte besserung bringt, immer nur vorübergehend), sonst wäre ich wahrscheinlich auch schon längst mausetot.

die ausnahmen unter den ärzten, die es bestimmt gibt, sind mir leider noch nicht begegnet (obwohl ich durch meinen ehem. beruf und eigene krankheiten einige hundert kennengelernt habe). und wenn hier im forum von ärzten berichtet wird, die gut sind und sogar bei mcs helfen können, wird oft der name verschwiegen (warum eigentlich?????).

da ist es dann schon sehr gut, wenn man mal was zum lachen hat, damit man nicht wirklich noch depressiv wird. Danke karlheinz für die psychonoiker!!!

liebe grüße
sunday
- Editiert von sunday am 21.08.2005, 15:19 -
- Editiert von sunday am 21.08.2005, 15:22 -

Hallo Sunday,
bitte keine beleidigenden Ausdrücke verwenden.
Eine Arztliste von sachlich und kompetent arbeitenden Umweltmedizinern
findest Du in der Rubrik Ärzte und Umweltkliniken.
Grüße Silvia

- Editiert von Silvia K. Müller am 22.08.2005, 08:41 -
sunday
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Beitragvon Gast Alice » Sonntag 21. August 2005, 21:14

Hallo Sunday,

das frage ich mich auch, warum es Leute im Forum gibt, die erst andeuten, dass sie von Schulmedizinern die MCS richtig diagnostiert bekommen hätten, und wenn man dann konkret nachfragt, wird man auf Recherchen im Internet verwiesen. Was meinst du wohl, was ich schon im Internet herumgesucht habe? Und selbst wenn man dann auf Namen von sogenannten Experten trifft, heißt das noch lange nicht, dass das nicht auch irgendwelche ... sind. Habe ich selber vor zwei Tagen erst erlebt. Und was der abrechnen wird, das will ich auch wissen!!

LG Alice

Hallo Alice,
bitte von beleidigenden Ausdrücksweisen absehen.
Thema des Threads beachten.
Grüße
Silvia
- Editiert von Silvia K. Müller am 22.08.2005, 08:42 -
Gast Alice
 

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Beitragvon Mary Poppins » Sonntag 21. August 2005, 22:46

Bitte verwässert den superguten Beitrag von Karlheinz nicht mit einem Nebenthema
und Kraftausdrücken, auch wenn sie mit Pünktchen ausgeschrieben wurden. Wir werden ohne sie
viel ernster genommen. Ich kann Euren Unmut gut verstehen, ich habe auch eine Wut im Bauch.
Trotzdem müssen wir sachlich bleiben, da wo die Gegenseite unsachlich wird, dann kommen wir voran.

Lieben Dank und nichts für ungut,
Mary
Mary Poppins
 

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Beitragvon sunday » Montag 22. August 2005, 01:06

hallo mary,

glaubst du etwa, die leute, die mcs nicht ernst nehmen, lesen die beiträge hier im forum?????? das würden sie doch nur machen, wenn sie es ernst nehmen (und dann würden sie endlich mal was über mcs lernen).

liebe grüße
sunday
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Beitragvon Penelope » Montag 22. August 2005, 12:24

Hallo lieber Karlheinz,

Du hast es mit Deiner Krankheitsdefinition Psychoiker die pathologischen Verhaltensweisen
dieser Mediziner genau auf den Punkt gebracht. Was mich erschreckt, ist ihr zwanghaftes
Handeln, das sich durch keine noch so überzeugende Forschung vom Kurs abbringen läßt.
Solche Psychoiker kann sich eine Industrienation, die im Zeitalter der Globalisierung
im Rennen weiter vorne liegen will nicht leisten. Sie schaffen zwar übige Oasen für solche, die
schnelle Euros machen wollen, doch diese herrlichen Oasen entpuppen sich in ganz kurzer Zeit als Fatamorgana. Was bleibt ist ein Heer von psychiatrisierten arbeitsunfähigen kranken Menschen, die
nicht hätten sein müssen.

Viele Grüße
Penelope
Penelope
 

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Beitragvon Anne » Montag 22. August 2005, 12:38

Hallo lieber Karlheinz,

der Versuch einer begrifflichen Annäherung ist Dir bestens gelungen!
Diese der tiefsten Seele entspringenden Zwänge einiger Mediziner, labortechnisch und auch gerätetechnisch objektivierbare Krankheiten immer wieder auf Ursachen im psychischen Bereich zurückführen zu wollen, ist in der Psyche bzw. Seele dieser \"Mediziner\" selbst zu suchen und trifft mit dem Begriff \"Psychonoiker\" total ins Schwarze. Bei ihnen müsste zuerst mal eine Behandlung ansetzen, wenn eine Fortbildung nichts gebracht hat.
Was würde wohl eine \"Tiefenpsychologie\" bei ihnen zutage fördern? Ich würde diese Leute gerne mal in einem Raum mit nackten Füßen im Kreis umhergehen sehen, der angefüllt wurde mit den sonderbarsten Gegenständen. Falls sich jemand jetzt wundert, das ist Tiefenpsychologie, mir hat man solches schon zugemutet. Und in diesem Raum werde ich aufgefordert, nach einem Gegenstand zu greifen, der wiederum auf mein Seelenleben gedeutet wird. Nun würde ich gerne wissen, nach welchen \"Gegenstand\" diese Psychonoiker greifen würden? Ich vermute, sie würden in diesem Raum nach Geldscheinen suchen. Da solches aber in dieser Umgebung nicht zu finden ist, haben sie Glück, denn die \"Tiefenpsychologie\" wird nicht ihr wahres Innenleben kennenlernen können. Nun bleibt den Psychonoikern als Trost nichts anders, als zu einem Teddybären zu greifen. Aber ob die Tiefenpsychologen mit der Deutung, die auf einem Teddybären liegt, den wahren Seelenzustand des Psychonoiker wirklich erklären können? Ich glaube eher nicht.

Ja, man könnte darüber lachen, wenn das Ganze nicht so traurig wäre und viele Menschen durch so einen Unsinn Falschbehandlung und schwerste Diskreminierungen erleiden müssen......
Die hartnäckige Weigerung sogenannter Umweltmediziner, diagnostisch objektivierbare Verfahren bei MCS anzuwenden, hat wohl ihre Gründe. Wenn sie nicht in mangelnder Bildung zu suchen sind, dann wohl in der Psychonoia.

Danke, Karlheinz, für Deinen gut durchdachten Beitrag! Auch von mir ein lachendes Smily!

Liebe Grüße
Anne
- Editiert von Anne am 22.08.2005, 12:49 -
Anne
 

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Beitragvon Anne » Montag 22. August 2005, 12:46

Hallo Sunday,

ich bin mir nicht sicher, ob gewisse Herrn dieses Forum hier lesen, aber ausschließen würde ich es auch nicht.
Desinteressierten Ärzten ist es wohl mehr oder weniger egal, was hier steht.
Aber es gibt auch ein paar Leutchen, die andere Gründe für ihre Falschbehandlung von MCS-Kranken haben, das sind die, die auf der Gehaltsliste einiger Konzerne draufstehen. Die müssen schon befürchten, dass ihre Machenschaften ans Licht kommen. Frevelhaftes Tun erzeugt auch Angst und diese wiederum erzeugt erhöhte Wachsamkeit. Ich könnte mir gut vorstellen, dass der eine oder andere angesprochene Herr hier mitliest.

Liebe Grüße
Anne
Anne
 

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Beitragvon Roland2 » Montag 22. August 2005, 18:24

Hallo zusammen,

dem Definitionsvorschlag und Gedankenanstoss von Karlheinz kann ich nur zustimmen, herzlichen Dank dafür.

Wie Anne auch schon sagte, wie sollte es sonst zu erklären sein, dass der "großen Wissenschaft" zugeordnete Mediziner und zu Experten ernannte, umweltbedingte Erkrankungen weiter leugnen und immer ein überhöhtes Umweltbewusstsein und Ängste oder sogar Zwanghaftigkeit etc. der Patienten als Grund anführen. Seit wann werden bei erhöhtem Umweltbewusstsein oder den variabel austauschbaren psychischen Diagnosen aller Art (die gerne innerhalb weniger Minuten oder gar durch Äußerlichkeiten - wie Dokumentierung von Krankheitsabläufen - gestellt werden), Stoffe ins Blut transportiert, Durchblutungsstörungen, Immunstörungen, Stoffwechselstörungen, Hormonstörungen oder neurogene Inflammation sowie Polyneuropathie und toxische Encephalopathie, Autoimmunerkrankungen etc. ausgelöst?. Hier wäre eine angesprochene tiefenpsychologische Untersuchung auch anzuraten, woher deren Angst rührt, sich solcher Vergleiche bedienen zu müssen, um objektivierbare Befunde immer wieder zu leugnen. In Bezug auf die im ICD geführte Diagnose T78.4 Multiple Chemical Sensitivity ist es interessant, warum man gerade in Deutschland in der universitären Medizin ständig die Psyche als oberstes Forschungsgebiet hierzu entdeckt, obwohl es international und sogar national einige andere diagnostische Hinweise (labordiagnostisch und bildgebend), Anhaltspunkte und in kleineren Fallzahlen auch Nachweise gibt.
Desweiteren ist zu erfragen, warum derlei selbst- oder fremdernannte „Experten“, den Patienten ständig in Gesprächen zu unterdrücken versuchen, obwohl sie ihm angeblich helfen möchten, den allseits anerkannten starken Leidensdruck zu lindern.

Weitere Auswüchse (als Beispiel) lassen sich durch das Gebiet der Psycho-Allergologie erkennen.

In Hamburg haben Ärzte, Pädagogen und Psychologen die Deutsche Gesellschaft für Psycho-Allergie e. V. ins Leben gerufen. Primäres Ziel der Initiative ist es, das Verständnis und die Bedeutung von psychosozialen Faktoren vor allem bei der Behandlung von Allergien zu fördern.
[...]Angesichts der vielfältigen Einflussmöglichkeiten auf die Entstehung einer Allergie, sollten Therapie oder Vorsorgemaßnahmen auf mehreren Ebenen ansetzen. Dazu gehören in ganz wesentlichem Maße auch die Art der Lebensführung und psychische Faktoren.
Daraus ergeben sich als zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten:
· Alles was zu Ihrer Lebenszufriedenheit beiträgt und natürlich
· Psychotherapie
· Psychische Impfung zur Konditionierung einer neuen Allergenwahrnehmung
· Hildesheimer Gesundheitstraining
http://www.psycho-allergologie.de/ [...]

Auch hier wiederum ein Beispiel der Verdrehung von Ursache und Wirkung. Ach ja, in diesem Zusammenhang habe ich natürlich vergessen, dass die Zunahme von Allergien in den neuen Bundesländern nach dem Fall der Mauer durch die politische Frustration enstanden ist und die Veränderung hin zum Lebensstil westlicher Industrienationen als Hauptbeitrag nicht in Betracht gezogen werden muß.

Es werden heute auch ganze Fachkreise gebildet, um die Risikokommunikation festzulegen, damit die Bürger nicht glauben, sie würden sich berechtigte Sorgen machen. Wie heisst es in der Politik, "Man muss es dem Bürger nur richtig erklären".

Die Erhöhung einiger Pestizidgrenzwerte für bestimmte Nahrungsmittel zur besseren Vermarktung von Pestiziden ist wohl auch eine der selbstberichteten Ängste der Patienten.

Die bewusst gesteuerte Unwissenschaftlichkeit in Bezug auf umweltbedingte Erkrankungen kann nur der von Karlheinz genannten Definition entpringen, anders ist es nicht zu erklären, denn einen industriellen "Extralohn" möchte keiner dieser Damen und Herren für sich wohl ernsthaft in Betracht ziehen.

Gern gepredigt wird auch der Satz, "Sie beschäftigen sich zuviel mit ihrer Krankheit und lesen zuviel". Solcherlei Sätze lassen dann doch eine tiefe Sehnsucht nach Herrschaftswissen erkennen. Dazu kann man nur sagen, diejenigen, die ihr Wissen nicht verbergen müssen, haben das meiste.
Noch haben diese Herren das Glück ihre Psychonoia politisch gedeckt ausleben zu dürfen, aber eines ist klar, je aggressiver sie falsche Thesen verkünden, umso näher ist das Ziel, dass die wahren Gründe ans Licht kommen.

Liebe Grüße
Roland
Roland2
 

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Beitragvon Westi » Dienstag 23. August 2005, 15:31

Hallo Karlheinz.

ich verstehe den tieferen Sinn deines Beitrags „Psychonoia“ sehr gut und kann dir nur beipflichten.

Leider sehen sich einige ärztliche Gutachter gezwungen, irgend etwas in sogenannte Gutachten zu schreiben, nur um ans Geld zu kommen. Nun, Gutachter, die auch Hoch-schullehrer, also Professoren sind, beschäftigen fast immer Ärzte, denen es obliegt, Gutachten zu fertigen. Selbst wenn diese Ärzte anderer Meinung als ihr Prof. sind, wird die Meinung des Prof. ins Gutachten geschrieben.

Die vorgeschlagene neue Krankheit „Psychonoia“, von denen manche Ärzte befallen sind, leitest du von Paranoia ab. Und Paranoia heißt übersetzt, ein aus einer beson-deren Persönlichkeitsstruktur heraus sich entwickelndes Zustandsbild, welches durch wahnhafte Überzeugungen gekennzeichnet ist.
Das Denken dieser Leute außerhalb dieser Wahnvorstellungen ist nicht gestört.

Und so mancher Medizin-Prof. lässt sich selbst von gesicherten neuen Erkenntnissen nicht überzeugen und verzapft weiterhin seinen alten Stiefel.
Und wenn ein solcher Prof. noch dazu in der Presse recht oft genannt wird, ist Wider-spruch von Ärzten, die am Anfang ihrer Laufbahn sind, nie zu erwarten.

Und dann kommt hinzu, dass Psychiatrie keine gesicherte Wissenschaft ist, wie z B. die Chemie.

Darum ist es nicht schlecht, einem solchen Mediziner zu fragen, ob er nicht zufällig an Psychonoia leidet.
Die Begutachtung eines Menschen, der sich beide Beine gebrochen hat, ist halt – und das gebe ich gerne zu – leichter, als die Begutachtung eines MCS-Betroffenen.
Gruß
Heinz
Westi
 

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Beitragvon Karlheinz » Donnerstag 11. Oktober 2007, 09:13

Ein interessanter Beitrag zum Thema (in allgemeiner Form) kommt von Ulrich Frey (TU Braunschweig)in seiner Untersuchung "Der blinde Fleck", Kognitive Fehler in der Wissenschaft und ihre evolutionspsychologischen Grundlagen. Ontos Verlag, 331 Seiten, als ebook für 20€ erhältlich.
Weltweit erste evolutionspsychologische Analyse wissenschaftlicher Fehler.

Es folgen einige Zitate:

A6
"Skizze der Argumentation
Wissenschaftliche Tätigkeit ist bisher kaum auf ihre kognitive Dimension
hin untersucht worden. Das verwundert, denn Wissenschaft ist
vor allem eine Beschäftigung mit Problemen, Theorien und Daten;
kurz: eine kognitive Tätigkeit. Die Fähigkeit zur Kognition wiederum
ist ein biologisches Phänomen und unterliegt der Evolution. Unsere
Fähigkeiten müssen deshalb auf ihre ursprüngliche Funktion in der
Evolution befragt werden. Daraus gewinnt man Erkenntnisse über
Aufbau, Besonderheiten und Ursachen kognitiver Fähigkeiten. Dafür
bieten zahlreiche kognitionspsychologische Experimente eine breite
empirische Basis (D, E, F, G). Resultate aus Stammesgeschichte (B 1)
und Kindesentwicklung (B 2) unterstützen dies.
Am Spezialfall der Fehler machen wir die Bedeutung evolutionär
geprägter Denkmuster für die Wissenschaft deutlich. Dies geschieht
durch fünf Fallstudien: Wissenschaftler zeigen diese experimentell
belegten Fehler in ähnlicher oder identischer Form. Dabei spielt es
keine Rolle, welche Epoche oder Disziplin untersucht wird; dieselben
Fehler treten systematisch auf. Sie erweisen sich zudem als invariant
gegenüber Epoche, Disziplin oder Person; ein weiteres Indiz für ihre
evolutionäre Herkunft. Ursache der Fehler ist die Diskrepanz zwischen
früherer Funktion und Anpassung und ihrer jetzigen Zweckentfremdung
für andere, unpassende Probleme."

D1 ff
"1 Hartnäckige erste Hypothese und
Beharren auf Überzeugungen
1.1 Charakterisierung
„[…] the great tragedy of Science – the slaying of a beautiful
hypothesis by an ugly fact […].“ (Huxley 1870/1970,
S. 244)
Dieser im Englischen als belief perseverance oder conservatism bias
benannte Fehler kann als Beharren auf Überzeugungen übersetzt werden.
Die anfängliche Überzeugung, auf der beharrt wird, bezeichnen
wir als hartnäckige erste Hypothese. Plous (1993) definiert eng:
„Conservatism is the tendency to change previous probability estimates
more slowly than warranted by new data.“
(Plous 1993, S. 138)
Etwas weiter fassend kann man das Beharren auf Überzeugungen als
die Tendenz beschreiben, bei Meinungen, Hypothesen oder Theorien
über einen angemessenen Zeitraum oder gerechtfertigtes Maß hinaus
zu bleiben bzw. zu langsam von ihnen abzurücken (konservativ zu
sein), obwohl Prämissen nicht mehr gültig sind oder neue falsifizierende
Belege die bekannten Daten angreifen. Meinungen können sich
in dieser Weise derart verfestigen, dass sie auch im Lichte widersprechender
Belege aufrecht erhalten werden.
Weil es uns auf Fehler in der Wissenschaft ankommt, wird bei jedem
Fehler gezeigt, gegen welche Norm verstoßen wird. Dieser Fehler verstößt
gegen die wissenschaftlichen Normen der Neutralität und Objektivität,
nach der gleichwertige Fakten und Theorien auch gleich
gewichtet werden sollten (siehe C 7.1). Konrad Lorenz bemerkt zu
dieser anzustrebenden Vorurteilslosigkeit launig:
„Überhaupt ist es für den Forscher ein guter Morgensport, täglich
vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen – das
erhält jung.“ (Lorenz 1963, S. 19)"

"2 Fehlendes Bemühen um Falsifikation
2.1 Charakterisierung
„[…] bleibt dennoch dem menschlichen Geist jener eigentümliche
und zähe Irrtum, stets mehr vom Bejahenden als
vom Verneinenden bewegt und angeregt zu werden; während
er doch nach Recht und Ordnung zu beiden sich in gleicher
Weise verhalten sollte; ja, bei der Aufstellung eines wahren
Satzes ist sogar die Kraft des verneinenden Falles die stärkere
von beiden.“ (Bacon 1620/1990, S. 109)
Ein gut untersuchter Fehler ist der so genannte confirmation bias. Er
zerfällt in zwei Bestandteile, die jedoch häufig nicht getrennt werden:
Die Bestätigungstendenz und das fehlende Bemühen um Falsifikation.
Unter Bestätigungstendenz versteht man das wiederholte Testen
bereits bestätigter Hypothesen mit der Erwartung eines bereits
bekannten positiven Resultats. Von fehlendem Bemühen um Falsifikation
sprechen wir, wenn beim Überprüfen von Hypothesen fast ausschließlich
nach unterstützenden, bestätigenden, positiven Daten
gesucht wird, statt nach Daten, welche die Hypothesen gefährden
könnten. Dieses Verhalten beschreiben Chapman und Johnson (2002)
so:
„In a variety of tasks, people tend to seek information that if consistent
with the current hypothesis would yield positive feedback
(e. g., Wason, 1960), and to interpret evidence as consistent with
the hypothesis (e. g., Lord et al. 1984).“ (Chapman & Johnson
2002, S. 133)
Inwieweit kann man von einem wissenschaftsmethodischen Fehler
sprechen? Diese Frage spricht die Norm an, auf welche der Fehler
hinweist. Die wiederholte Prüfung bereits bekannter Fakten erbringt
keinen Erkenntniszuwachs, verbraucht aber Ressourcen wie Zeit und
Aufmerksamkeit. Auch das fehlende Bemühen um Falsifikation ist ein
Fehler, da auf eine ausgezeichnete Prüfstrategie verzichtet wird (Popper
1934/1994, 1972/1998).
Weil es lernbar ist, Falsifikation als Prüfstrategie zu benutzen, ist
damit nichts Unmögliches gefordert; es übersteigt die Fähigkeiten von
Erwachsenen nicht (Stanovich 1999). Das wird auch durch das Auftreten
richtiger Antworten überhaupt belegt. Dies gilt im übrigen für alle
im folgenden genannten Experimente: In jeder der zitierten Untersuchungen
löst ein gewisser Prozentsatz der Versuchspersonen das Problem
korrekt."

"3 Ignorieren widersprechender Belege
und Blindheit gegenüber eigenen
Fehlern
„Der menschliche Verstand zieht in das, was einmal sein
Wohlgefallen erregt hat – sei es, weil es so überliefert und
geglaubt worden ist, sei es, weil es anziehend ist –, auch
alles andere mit hinein, damit es jenes bestätige und mit ihm
übereinstimme. Und wenn auch die Bedeutung und Anzahl
der entgegengesetzten Fälle größer ist, so beachtet er sie
nicht, oder verachtet sie, schafft sie durch Haarspalterei beiseite
und verwirft sie, nicht ohne schwerwiegendes und verderbliches
Vorurteil, nur damit dadurch das Ansehen jener
alten fehlerhaften Beziehungen unangetastet bleibe.“
(Bacon 1620/1990, S. 107)

3.1 Charakterisierung
Vom Ignorieren widersprechender Belege sprechen wir, wenn für die
weitere Theorieentwicklung wichtige Daten entweder nicht beachtet,
unterschätzt, aktiv vermieden oder sogar passend uminterpretiert werden,
weil sie der aktuell vertretenen Meinung, Hypothese oder Theorie
widersprechen. Das kann zu einem weiteren hier nicht ausgeführten
Fehler führen, der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Chinn und
Brewer (1998) entwickeln eine Taxonomie von acht vorkommenden
Reaktionen auf Anomalien: sechs davon lassen die alte Theorie völlig
intakt.
Hier besteht eine enge Verbindung zur Bestätigungstendenz und zum
fehlenden Bemühen um Falsifikation. Selbst wenn – was selten der
Fall ist – falsifiziert wird, durchlaufen widersprechende Daten einen
Prozess, der vom Verwerfen bis zur „Eingliederung“ in die Theorie
reichen kann. Dieser in psychologischen Experimenten nachgewiesene
Fehler manifestiert sich wissenschaftlich auf mehrfache Weise, wenn
es um die Immunisierung von Theorien bei widersprechenden Daten
geht (Skrabanek & McCormick 1992):
1. Dem kritischen Autor werden Hintergedanken unterstellt.
2. Daten werden aus dem Zusammenhang gerissen.
3. Die Bedeutung der Daten wird heruntergespielt.
4. Die Herkunft der Daten wird angezweifelt.
5. Daten werden zu Gunsten der eigenen Theorie missverstanden,
vergessen, ignoriert, geleugnet, oder umgedeutet.
Daran wird die Bedeutung solcher psychologisch nachgewiesener Fehler
für die Wissenschaft deutlich. Sie verletzen in einem wissenschaftstheoretischen
Sinne sowohl die grundsätzliche Gleichwertigkeit
der Daten – unabhängig von ihrem Verhältnis zur Theorie – als auch
die Forderung nach Objektivität. Eine verzerrte Interpretation von
Daten zu Gunsten bereits bestehender Theorien ist ein Schritt zur
Immunisierung der Theorie gegen Kritik. Darüber hinaus stellen Falsifikationsversuche
und die Anerkennung widersprechender Daten eine
der wichtigsten Methoden dar, Theorien zu überprüfen und zu kritisieren
(Popper 1934/1994). Deshalb schlägt Platt (1964) als Forschungsstrategie
vor, anfangs viele Hypothesen als Alternativen zu generieren,
um dann so viele wie möglich per Falsifikation zu eliminieren. Angesichts
der beschriebenen Tendenz stellt das eine Strategie dar, die nur
schwer befolgt werden kann, da falsifizierende Belege systematisch
ignoriert und vermieden werden. Im konkreten erfahrungswissenschaftlichen
Fall dürfte es auch nur eine eng begrenzte Anzahl sinnvoller
Hypothesen geben, die von der Einschätzung des Forschers her
ohnehin schon bezüglich angenommener Güte abgestuft sind."

"4 Verfälschende Erwartungshaltung
4.1 Charakterisierung
Unter der verfälschenden Erwartungshaltung (expectancy effect,
observer effect, Versuchsleitereffekt, Rosenthal-Effekt, self-fulfilling
prophecy) fassen wir drei ähnliche Fehler inhaltlich zusammen:
 Erwartungen werden in Daten hineingelesen.
 Durch Erwartungen werden Daten unbewusst verfälscht.
 Menschen sind wegen bereits bestehender Erwartungen blind
gegenüber anderen Daten.
Das ist nicht dasselbe wie das Ignorieren widersprechender Belege
(D 3): Letzteres nimmt Daten zur Kenntnis und verwirft sie erst
danach. Bei der verfälschenden Erwartungshaltung ist die Einengung
(„Tunnelblick“) durch die bestehende Theorie so groß, dass viele
Daten überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden. Dieser Fehler
kann demnach als Verschärfung des Ignorierens widersprechender
Daten angesehen werden. Interessanterweise bemerkt man selbst diese
Verzerrung nicht, während außenstehende Beobachter sie sehr zuverlässig
und übereinstimmend feststellen (Snyder & Stukas 1999). Hier
zeigt sich eine starke Verbindung zum Fehler der hartnäckigen ersten
Hypothese; denn in den meisten Fällen werden Erwartungshaltungen
von anfänglichen Hypothesen hervorgerufen. Warum sind es Fehler?
Da die Informationsaufnahme nicht auf Vollständigkeit zielt, werden
entscheidende Informationen leicht übersehen. Eine neutrale, gleichwertige
Behandlung von Daten ist nicht gewährleistet; Theorien hängen
von Person und Weltbild eines Forschers ab."

E ff
"4 Fallstudie 3: Mangelkrankheiten
Gegenstand dieser Fallstudie sind Mangelkrankheiten: Skorbut, Beriberi,
Rachitis und Pellagra. Alle diese Krankheiten werden durch
einen Mangel verursacht. Ein Unterschied zu anderen Krankheiten
besteht darin, dass die Ursache in einem Defizit besteht, und nicht
„tatsächlich vorhanden“ ist, wie etwa Bakterien, Knochenbrüche oder
Geschwüre. Eine unmittelbare Ursache ist bei Mangelkrankheiten
nicht erkennbar; auch wenn natürlich ein Mangel ebenso eine Ursache
darstellt, es also nicht behauptet wird, diese Vorgänge seien akausal;
die Suche nach einer Ursache-Wirkung-Beziehung bleibt aber
zunächst erfolglos.
Zwei Dinge sollen gezeigt werden. Da kausales Denken erstens einem
Standardschema folgt, das eine Ursache fordert (wie in B 2.4 gezeigt),
erwarten wir auch wissenschaftshistorisch Schwierigkeiten: wenn die
Ursache „ausfällt“, weil sie gerade im Fehlen eines Agens besteht,
dann greift die kognitive Standardzuordnung des Menschen nicht. Das
lässt sich begrifflich noch schärfer fassen: Mangel ist nichts positiv
Gegebenes, daher besitzt es einen anderen ontologischen Status.
Ob das der Grund dafür ist, dass Mangel nicht als Ursache im kausalen
Standardschema enthalten ist, muss offen bleiben. Empirisch prüfbar
sind nur die Auslösebedingungen unseres Kausalschemas.
Historisch sollte sich das in verzögerter Entwicklung und heftigem
Widerstand gegen das „Mangelkonzept“ zeigen. Konkurrenztheorien
sollten trotz gravierender Schwächen vorgezogen werden. Zweitens
sollten an die Stelle einer Mangeltheorie durch unsere übertriebenen
Kausalitäts- und Korrelationsvermutungen – eben die Merkmale der
Fehlerfamilie 3 – viele falsche Theorien treten, selbst bei vielen
Gegenbelegen. Beides lässt sich bei allen vier Mangelkrankheiten zeigen:
Theorien mit „positivem“ Auslöser wurden trotz unterlegener
experimenteller Belege, nachgewiesener Heilung und konsistenterer
Erklärung praktisch immer einer Mangeltheorie vorgezogen.
Wissenschaftstheoretisch sind diese Beispiele deshalb besonders aufschlussreich,
weil Heilung ohne theoretisches Wissen bei drei von vier
Mangelkrankheiten bereits seit ihrem ersten Auftreten bekannt war.
Obwohl also die Heilung teilweise seit 300 Jahren bekannt war, klärte
man die Zusammenhänge erst nach 1900 auf; Heilungsmethoden
gerieten in zwei Fällen in Vergessenheit; in weiteren zwei der vier
Mangelkrankheiten konnten sich einwandfrei belegte Theorien nicht
durchsetzen. Das erscheint uns erklärungsbedürftig.
Unser Erklärungsansatz geht davon aus, dass unserem Denken ein
mächtiges und sehr spezielles Kausalschema zu Grunde liegt, das in
diesem Fall nicht greift. Eine solche Erklärung schließt eine historische
Deutung nicht aus. Im Gegenteil: Ihr Zusammenspiel kann in
einigen Fällen eine Verstärkung, in anderen Fällen eine Abschwächung
bewirken."

Bem.: Andere Kofaktoren historischer oder sozialer Art werden nicht geleugnet. Sowas ist jedoch anderweitig schon ausgiebig untersucht worden und hat nicht die Erklärungskraft wie der evolutionspsychologische Ansatz. So die These.
Karlheinz
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Psychonoia

Beitragvon Lawya » Freitag 12. Oktober 2007, 18:44

Puhh. Habe heute erstmals hier geschaut. Danke KarlHeinz. Muss ich erst mal durchackern. Vielleicht kann ich es nächste Woche schon jemandem um die Ohren hauen.

Wäre schön wenn so was mal in Wiki käme. ;-)
Lawya
 


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