von Karlheinz » Donnerstag 11. Oktober 2007, 09:13
Ein interessanter Beitrag zum Thema (in allgemeiner Form) kommt von Ulrich Frey (TU Braunschweig)in seiner Untersuchung "Der blinde Fleck", Kognitive Fehler in der Wissenschaft und ihre evolutionspsychologischen Grundlagen. Ontos Verlag, 331 Seiten, als ebook für 20€ erhältlich.
Weltweit erste evolutionspsychologische Analyse wissenschaftlicher Fehler.
Es folgen einige Zitate:
A6
"Skizze der Argumentation
Wissenschaftliche Tätigkeit ist bisher kaum auf ihre kognitive Dimension
hin untersucht worden. Das verwundert, denn Wissenschaft ist
vor allem eine Beschäftigung mit Problemen, Theorien und Daten;
kurz: eine kognitive Tätigkeit. Die Fähigkeit zur Kognition wiederum
ist ein biologisches Phänomen und unterliegt der Evolution. Unsere
Fähigkeiten müssen deshalb auf ihre ursprüngliche Funktion in der
Evolution befragt werden. Daraus gewinnt man Erkenntnisse über
Aufbau, Besonderheiten und Ursachen kognitiver Fähigkeiten. Dafür
bieten zahlreiche kognitionspsychologische Experimente eine breite
empirische Basis (D, E, F, G). Resultate aus Stammesgeschichte (B 1)
und Kindesentwicklung (B 2) unterstützen dies.
Am Spezialfall der Fehler machen wir die Bedeutung evolutionär
geprägter Denkmuster für die Wissenschaft deutlich. Dies geschieht
durch fünf Fallstudien: Wissenschaftler zeigen diese experimentell
belegten Fehler in ähnlicher oder identischer Form. Dabei spielt es
keine Rolle, welche Epoche oder Disziplin untersucht wird; dieselben
Fehler treten systematisch auf. Sie erweisen sich zudem als invariant
gegenüber Epoche, Disziplin oder Person; ein weiteres Indiz für ihre
evolutionäre Herkunft. Ursache der Fehler ist die Diskrepanz zwischen
früherer Funktion und Anpassung und ihrer jetzigen Zweckentfremdung
für andere, unpassende Probleme."
D1 ff
"1 Hartnäckige erste Hypothese und
Beharren auf Überzeugungen
1.1 Charakterisierung
„[…] the great tragedy of Science – the slaying of a beautiful
hypothesis by an ugly fact […].“ (Huxley 1870/1970,
S. 244)
Dieser im Englischen als belief perseverance oder conservatism bias
benannte Fehler kann als Beharren auf Überzeugungen übersetzt werden.
Die anfängliche Überzeugung, auf der beharrt wird, bezeichnen
wir als hartnäckige erste Hypothese. Plous (1993) definiert eng:
„Conservatism is the tendency to change previous probability estimates
more slowly than warranted by new data.“
(Plous 1993, S. 138)
Etwas weiter fassend kann man das Beharren auf Überzeugungen als
die Tendenz beschreiben, bei Meinungen, Hypothesen oder Theorien
über einen angemessenen Zeitraum oder gerechtfertigtes Maß hinaus
zu bleiben bzw. zu langsam von ihnen abzurücken (konservativ zu
sein), obwohl Prämissen nicht mehr gültig sind oder neue falsifizierende
Belege die bekannten Daten angreifen. Meinungen können sich
in dieser Weise derart verfestigen, dass sie auch im Lichte widersprechender
Belege aufrecht erhalten werden.
Weil es uns auf Fehler in der Wissenschaft ankommt, wird bei jedem
Fehler gezeigt, gegen welche Norm verstoßen wird. Dieser Fehler verstößt
gegen die wissenschaftlichen Normen der Neutralität und Objektivität,
nach der gleichwertige Fakten und Theorien auch gleich
gewichtet werden sollten (siehe C 7.1). Konrad Lorenz bemerkt zu
dieser anzustrebenden Vorurteilslosigkeit launig:
„Überhaupt ist es für den Forscher ein guter Morgensport, täglich
vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen – das
erhält jung.“ (Lorenz 1963, S. 19)"
"2 Fehlendes Bemühen um Falsifikation
2.1 Charakterisierung
„[…] bleibt dennoch dem menschlichen Geist jener eigentümliche
und zähe Irrtum, stets mehr vom Bejahenden als
vom Verneinenden bewegt und angeregt zu werden; während
er doch nach Recht und Ordnung zu beiden sich in gleicher
Weise verhalten sollte; ja, bei der Aufstellung eines wahren
Satzes ist sogar die Kraft des verneinenden Falles die stärkere
von beiden.“ (Bacon 1620/1990, S. 109)
Ein gut untersuchter Fehler ist der so genannte confirmation bias. Er
zerfällt in zwei Bestandteile, die jedoch häufig nicht getrennt werden:
Die Bestätigungstendenz und das fehlende Bemühen um Falsifikation.
Unter Bestätigungstendenz versteht man das wiederholte Testen
bereits bestätigter Hypothesen mit der Erwartung eines bereits
bekannten positiven Resultats. Von fehlendem Bemühen um Falsifikation
sprechen wir, wenn beim Überprüfen von Hypothesen fast ausschließlich
nach unterstützenden, bestätigenden, positiven Daten
gesucht wird, statt nach Daten, welche die Hypothesen gefährden
könnten. Dieses Verhalten beschreiben Chapman und Johnson (2002)
so:
„In a variety of tasks, people tend to seek information that if consistent
with the current hypothesis would yield positive feedback
(e. g., Wason, 1960), and to interpret evidence as consistent with
the hypothesis (e. g., Lord et al. 1984).“ (Chapman & Johnson
2002, S. 133)
Inwieweit kann man von einem wissenschaftsmethodischen Fehler
sprechen? Diese Frage spricht die Norm an, auf welche der Fehler
hinweist. Die wiederholte Prüfung bereits bekannter Fakten erbringt
keinen Erkenntniszuwachs, verbraucht aber Ressourcen wie Zeit und
Aufmerksamkeit. Auch das fehlende Bemühen um Falsifikation ist ein
Fehler, da auf eine ausgezeichnete Prüfstrategie verzichtet wird (Popper
1934/1994, 1972/1998).
Weil es lernbar ist, Falsifikation als Prüfstrategie zu benutzen, ist
damit nichts Unmögliches gefordert; es übersteigt die Fähigkeiten von
Erwachsenen nicht (Stanovich 1999). Das wird auch durch das Auftreten
richtiger Antworten überhaupt belegt. Dies gilt im übrigen für alle
im folgenden genannten Experimente: In jeder der zitierten Untersuchungen
löst ein gewisser Prozentsatz der Versuchspersonen das Problem
korrekt."
"3 Ignorieren widersprechender Belege
und Blindheit gegenüber eigenen
Fehlern
„Der menschliche Verstand zieht in das, was einmal sein
Wohlgefallen erregt hat – sei es, weil es so überliefert und
geglaubt worden ist, sei es, weil es anziehend ist –, auch
alles andere mit hinein, damit es jenes bestätige und mit ihm
übereinstimme. Und wenn auch die Bedeutung und Anzahl
der entgegengesetzten Fälle größer ist, so beachtet er sie
nicht, oder verachtet sie, schafft sie durch Haarspalterei beiseite
und verwirft sie, nicht ohne schwerwiegendes und verderbliches
Vorurteil, nur damit dadurch das Ansehen jener
alten fehlerhaften Beziehungen unangetastet bleibe.“
(Bacon 1620/1990, S. 107)
3.1 Charakterisierung
Vom Ignorieren widersprechender Belege sprechen wir, wenn für die
weitere Theorieentwicklung wichtige Daten entweder nicht beachtet,
unterschätzt, aktiv vermieden oder sogar passend uminterpretiert werden,
weil sie der aktuell vertretenen Meinung, Hypothese oder Theorie
widersprechen. Das kann zu einem weiteren hier nicht ausgeführten
Fehler führen, der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Chinn und
Brewer (1998) entwickeln eine Taxonomie von acht vorkommenden
Reaktionen auf Anomalien: sechs davon lassen die alte Theorie völlig
intakt.
Hier besteht eine enge Verbindung zur Bestätigungstendenz und zum
fehlenden Bemühen um Falsifikation. Selbst wenn – was selten der
Fall ist – falsifiziert wird, durchlaufen widersprechende Daten einen
Prozess, der vom Verwerfen bis zur „Eingliederung“ in die Theorie
reichen kann. Dieser in psychologischen Experimenten nachgewiesene
Fehler manifestiert sich wissenschaftlich auf mehrfache Weise, wenn
es um die Immunisierung von Theorien bei widersprechenden Daten
geht (Skrabanek & McCormick 1992):
1. Dem kritischen Autor werden Hintergedanken unterstellt.
2. Daten werden aus dem Zusammenhang gerissen.
3. Die Bedeutung der Daten wird heruntergespielt.
4. Die Herkunft der Daten wird angezweifelt.
5. Daten werden zu Gunsten der eigenen Theorie missverstanden,
vergessen, ignoriert, geleugnet, oder umgedeutet.
Daran wird die Bedeutung solcher psychologisch nachgewiesener Fehler
für die Wissenschaft deutlich. Sie verletzen in einem wissenschaftstheoretischen
Sinne sowohl die grundsätzliche Gleichwertigkeit
der Daten – unabhängig von ihrem Verhältnis zur Theorie – als auch
die Forderung nach Objektivität. Eine verzerrte Interpretation von
Daten zu Gunsten bereits bestehender Theorien ist ein Schritt zur
Immunisierung der Theorie gegen Kritik. Darüber hinaus stellen Falsifikationsversuche
und die Anerkennung widersprechender Daten eine
der wichtigsten Methoden dar, Theorien zu überprüfen und zu kritisieren
(Popper 1934/1994). Deshalb schlägt Platt (1964) als Forschungsstrategie
vor, anfangs viele Hypothesen als Alternativen zu generieren,
um dann so viele wie möglich per Falsifikation zu eliminieren. Angesichts
der beschriebenen Tendenz stellt das eine Strategie dar, die nur
schwer befolgt werden kann, da falsifizierende Belege systematisch
ignoriert und vermieden werden. Im konkreten erfahrungswissenschaftlichen
Fall dürfte es auch nur eine eng begrenzte Anzahl sinnvoller
Hypothesen geben, die von der Einschätzung des Forschers her
ohnehin schon bezüglich angenommener Güte abgestuft sind."
"4 Verfälschende Erwartungshaltung
4.1 Charakterisierung
Unter der verfälschenden Erwartungshaltung (expectancy effect,
observer effect, Versuchsleitereffekt, Rosenthal-Effekt, self-fulfilling
prophecy) fassen wir drei ähnliche Fehler inhaltlich zusammen:
Erwartungen werden in Daten hineingelesen.
Durch Erwartungen werden Daten unbewusst verfälscht.
Menschen sind wegen bereits bestehender Erwartungen blind
gegenüber anderen Daten.
Das ist nicht dasselbe wie das Ignorieren widersprechender Belege
(D 3): Letzteres nimmt Daten zur Kenntnis und verwirft sie erst
danach. Bei der verfälschenden Erwartungshaltung ist die Einengung
(„Tunnelblick“) durch die bestehende Theorie so groß, dass viele
Daten überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden. Dieser Fehler
kann demnach als Verschärfung des Ignorierens widersprechender
Daten angesehen werden. Interessanterweise bemerkt man selbst diese
Verzerrung nicht, während außenstehende Beobachter sie sehr zuverlässig
und übereinstimmend feststellen (Snyder & Stukas 1999). Hier
zeigt sich eine starke Verbindung zum Fehler der hartnäckigen ersten
Hypothese; denn in den meisten Fällen werden Erwartungshaltungen
von anfänglichen Hypothesen hervorgerufen. Warum sind es Fehler?
Da die Informationsaufnahme nicht auf Vollständigkeit zielt, werden
entscheidende Informationen leicht übersehen. Eine neutrale, gleichwertige
Behandlung von Daten ist nicht gewährleistet; Theorien hängen
von Person und Weltbild eines Forschers ab."
E ff
"4 Fallstudie 3: Mangelkrankheiten
Gegenstand dieser Fallstudie sind Mangelkrankheiten: Skorbut, Beriberi,
Rachitis und Pellagra. Alle diese Krankheiten werden durch
einen Mangel verursacht. Ein Unterschied zu anderen Krankheiten
besteht darin, dass die Ursache in einem Defizit besteht, und nicht
„tatsächlich vorhanden“ ist, wie etwa Bakterien, Knochenbrüche oder
Geschwüre. Eine unmittelbare Ursache ist bei Mangelkrankheiten
nicht erkennbar; auch wenn natürlich ein Mangel ebenso eine Ursache
darstellt, es also nicht behauptet wird, diese Vorgänge seien akausal;
die Suche nach einer Ursache-Wirkung-Beziehung bleibt aber
zunächst erfolglos.
Zwei Dinge sollen gezeigt werden. Da kausales Denken erstens einem
Standardschema folgt, das eine Ursache fordert (wie in B 2.4 gezeigt),
erwarten wir auch wissenschaftshistorisch Schwierigkeiten: wenn die
Ursache „ausfällt“, weil sie gerade im Fehlen eines Agens besteht,
dann greift die kognitive Standardzuordnung des Menschen nicht. Das
lässt sich begrifflich noch schärfer fassen: Mangel ist nichts positiv
Gegebenes, daher besitzt es einen anderen ontologischen Status.
Ob das der Grund dafür ist, dass Mangel nicht als Ursache im kausalen
Standardschema enthalten ist, muss offen bleiben. Empirisch prüfbar
sind nur die Auslösebedingungen unseres Kausalschemas.
Historisch sollte sich das in verzögerter Entwicklung und heftigem
Widerstand gegen das „Mangelkonzept“ zeigen. Konkurrenztheorien
sollten trotz gravierender Schwächen vorgezogen werden. Zweitens
sollten an die Stelle einer Mangeltheorie durch unsere übertriebenen
Kausalitäts- und Korrelationsvermutungen – eben die Merkmale der
Fehlerfamilie 3 – viele falsche Theorien treten, selbst bei vielen
Gegenbelegen. Beides lässt sich bei allen vier Mangelkrankheiten zeigen:
Theorien mit „positivem“ Auslöser wurden trotz unterlegener
experimenteller Belege, nachgewiesener Heilung und konsistenterer
Erklärung praktisch immer einer Mangeltheorie vorgezogen.
Wissenschaftstheoretisch sind diese Beispiele deshalb besonders aufschlussreich,
weil Heilung ohne theoretisches Wissen bei drei von vier
Mangelkrankheiten bereits seit ihrem ersten Auftreten bekannt war.
Obwohl also die Heilung teilweise seit 300 Jahren bekannt war, klärte
man die Zusammenhänge erst nach 1900 auf; Heilungsmethoden
gerieten in zwei Fällen in Vergessenheit; in weiteren zwei der vier
Mangelkrankheiten konnten sich einwandfrei belegte Theorien nicht
durchsetzen. Das erscheint uns erklärungsbedürftig.
Unser Erklärungsansatz geht davon aus, dass unserem Denken ein
mächtiges und sehr spezielles Kausalschema zu Grunde liegt, das in
diesem Fall nicht greift. Eine solche Erklärung schließt eine historische
Deutung nicht aus. Im Gegenteil: Ihr Zusammenspiel kann in
einigen Fällen eine Verstärkung, in anderen Fällen eine Abschwächung
bewirken."
Bem.: Andere Kofaktoren historischer oder sozialer Art werden nicht geleugnet. Sowas ist jedoch anderweitig schon ausgiebig untersucht worden und hat nicht die Erklärungskraft wie der evolutionspsychologische Ansatz. So die These.